Früher war alles besser …



… oder war es nur anders?


Es gibt wenig Branchen, die vergleichbar zur Fotobranche sind.

Es ist eine Ur-lange Geschichte, die nach dem 2. Weltkrieg so richtig an Fahrt aufnahm. Spätestens als die Japaner in die vormals durch Deutschland geprägte Fotoindustrie einstiegen, wurden Fotoapparate mehr und mehr zum Zeichen für Wohlstand und Gegenstand der Freizeitgestaltung. Wobei die Anwendergruppen nicht unbedingt identisch sein müssen.

Zum einen haben wir da den Familienvorstand, der für sich in Anspruch nahm, vornehmlich die Familienchronik zu bebildern. Und dann haben wir dort den, der intern gern als „Baskenmützenträger“ bezeichnet wird. Er lebt die Fotografie, erstellt, im Gegensatz zum Familienfotografen, eher aufwändige Überblend-Diashows, oder entwickelt die Bilder gern in der heimischen Dunkelkammer.

Alle zusammen hatten einen Pilgerort – die photokina in Köln. Zunächst noch eine Veranstaltung für die Fotoindustrie, öffnete sie sich mehr und mehr dem Verbraucher, der, zunächst hohe, Eintrittspreise von 70 DM und mehr zahlen musste. Die Brancheninsider trafen sich in speziellen abgesperrten Bereichen, auf den zum Teil mehrere tausend Quadratmeter großen Messeständen, um Geschäfte abzuschließen. Aber auch den Verbrauchern wurde ordentlich was geboten. Durch viele Shows wurden die Besucher angelockt und abends schleppten die glückseligen Fotografen, mit vielen Werbegeschenken gefüllte Tüten durch die Kölner Innenstadt.

Die letzte photokina im Jahr 2018 hat sich dazu komplett gewandelt. Eintritt bezahlte kaum noch jemand, die Buden der Fotoindustrie wurden zunehmend kleiner, und viele Hersteller blieben sogar fern. Aufgrund schlechter Prognosen für die Teilnahme aus der Fotoindustrie und dem sinkenden Verbraucherinteresse entschied man sich schließlich im Jahre 2020, die photokina nicht wieder zu öffnen, und damit das Schicksal dieser Welt-Leitmesse der Fotografie zu besiegeln.

Es waren 40 großartige Jahre der Fotografie, aber ausgerechnet das Gerät, welches jeden Fotografen in die Lage versetzt überall einfach gute Bilder zu machen, war der Totenträger der Branche - das Smartphone.

War die Fotografie zunächst eher ein chemischer Prozess, wurde draus mit der Digitalfotografie ein physikalischer Prozess. Dies revolutionierte die Fotografie und immer neue Smartphonetechnologien änderten auch die Ansprüche der Fotografen. Fotokameras waren nach wie vor Statussymbole und die Ausrüstung konnte nicht dicke genug sein, aber immer häufiger stellten Fotoapparatebesitzer für sich fest nicht mehr schwer tragen zu wollen.

Aber auch die Handelslandschaft änderte sich. Gab es zunächst die vielen Fotogeschäfte mit ausgebildeten Fachleuten, kamen zunehmend Billigmärkte auf, die Fotogeräte mehr und mehr nur noch verscherbelten. Fotoapparate wurden Massenware und jeder konnte sie sich leisten. Sie und die Fotografie verloren ganz einfach die Magie und den Reiz, es wurde weniger umgesetzt, und die Fotoindustrie verlor an Kraft.

Zu den besten Zeiten unterstützen die Unternehmen der Fotoindustrie Schulen, Kindergärten, soziale Einrichtungen mit kostenlosen Geräten und viele Vereine, Freiwillige Feuerwehren, Schützenvereine und auch Fotoclubs konnten mit Sachspenden rechnen für Tombola und ähnliches rechnen. All dies war möglich, weil die Geräte für den notwendigen Umsatz und die Erträge sorgten. Natürlich war es Werbung, in der Hoffnung, dass damit potentielle Kunden für den nächsten Kamerakauf überzeugt werden. Es war über lange Zeit ein gutes Zusammenspiel zwischen Hersteller und Fotograf. Und ihr Spielfeld war alle 2 Jahre die photokina.

Nun dieses Spielfeld gibt es nicht mehr. Das ehemalige „Weltmeisterschaftsstadion“ wurde geschlossen. Dafür entwickelten sich aber viele „Regionalstadien“ in denen sich, wie z.B. in Zingst, Duisburg oder Oberstorf die noch verbleibende Gemeinschaft der Fotografen zu einem Gedankenaustauch auf nie vorher erreichten qualitativem Niveau versammeln um über Ihr Hobby gemeinsam zu fachsimpeln. Die Hersteller sind greifbar und es gibt keine abgesperrten Bvereich mehr. Hersteller, Händler und Fotografen kommunizieren auf Augenhöhe.

Der Fotomarkt ist in den letzten 10 Jahren um 90% geschrumpft, aber es sind die wirklichen und leidenschaftlichen Fotografen übriggeblieben, um die die Industrie wie nie zuvor kämpft. Aber aus der Vergangenheit wurde offensichtlich nicht viel gelernt. Geräte werden mit Funktionen überhäuft, die die Mehrheit der Fotografen im Prinzip gar nicht benötigen. So werden Fotoapparate über ihre Videofunktion definiert. DIe Frage sei aber gestattet, wie lange das Fotografen dies wirklich mitmachen? Denn die neue Generation von Fotografen steht schon längst in den Startlöchern. Schon vor Jahren begann der Trend „Lomo“ unter dem Motto: Wer will schon diesen Perfektionismus, wenn die Seele der Fotografie verloren geht?

Und so bleibt es spannend wie sich diese früher gesellschaftlich so wichtige Industrie weiterentwickelt. Inzwischen ist der gesellschaftliche Stand der Smartphones viel wichtiger als alles Vorherige. Das betrifft nicht nur Fotografie, auch Musik, Zeitschriften, Bücher und vieles mehr, verliert die Bindung an das Ursprüngliche. Aber auch Plattenspieler erfahren gerade eine Renaissance und wer weiß wann die Walkman wieder an Beliebtheit gewinnen.


Was aber definitiv der Vergangenheit angehören wird, ist die Vielfalt bei den Tombolen der ganzen Vereinsveranstaltungen, der Gerätenotstand bei Foto AG’s in Schulen und all diesen Dingen. Auch wenn die Fotoindustrie, speziell zu Weihnachten, immer noch nach Spenden gefragt wird, ist hier die Luft raus.

Es klingt möglicherweise Arrogant, aber da frage ich mich immer wieder was die Bittsteller nicht kapiert haben. Die Fotoindustrie wird in fast ungebrochener Anzahl von Anfragen nach Spenden angefragt aber Fotoapparate werden schon lange nicht mehr gekauft. Ich frage mich wie Samsung, Huawaii, Apple und Consorten auf Anfrage nach Werbegeschenken reagieren.


Och, irgendwie war die alte Fotowelt für alle schöner, oder?

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